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22/06/2023

Lesezeit 8min

Gina Borchert

Gina Borchert

Marketing & Kommunikation

Ein Interview mit Rachida Choukri-Peter

Sweco hat jüngst die Charta der Vielfalt unterschrieben und sich das Thema Diversity zum Schwerpunkt in der Re-Zertifizierung zum Audit berufundfamilie gegeben. Was erst einmal sehr gut und wichtig klingt, muss nun mit Leben gefüllt werden. Wie divers ist unser Unternehmen wirklich? Sprechen wir nur drüber oder leben wir die Vielfalt? Welche Dimensionen von Vielfalt meinen wir? Eine Dimension ist auf jeden Fall die Religion – wobei wir im ersten Schritt feststellten, dass uns das gar nicht so wichtig ist. Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht mehr über die religiöse Vielfalt bei Sweco erfahren möchten. Zum Glück arbeiten so viele unterschiedliche Menschen bei uns – wie zum Beispiel Rachida aus Bremen, die uns mitnimmt in ihre Religion und mit der wir über das höchste und wichtigste Fest des Islams, das Opferfest, sprechen.

Rachida Choukri-Peter beim Tee einschenkenLiebe Rachida, warum hast du dich damals für Sweco entschieden und was machst du hauptsächlich bei uns?
Als Front-Office-Managerin bin ich bei Sweco in Bremen am Empfang die erste Kontaktperson und Ansprechpartnerin für Gäste, Kunden und Kolleg*innen. Ich beantworte Telefonate, verwalte die Post, organisiere Veranstaltungen wie z. B. unser regelmäßiges gemeinsames Mittagessen am Standort oder die Weihnachtsfeier, unterstütze bei administrativen Aufgaben und sorge dafür, dass die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen internen und externen Parteien reibungslos verläuft.

Auf Sweco bin ich durch eine Jobbörse aufmerksam geworden. Ich habe gezielt nach einer Position gesucht, in der ich mit Menschen arbeiten und abwechslungsreiche Aufgaben übernehmen kann. Die internationale Ausrichtung von Sweco und die interessante Branche Ingenieurwesen und Architektur, die das Thema Nachhaltigkeit vorantreibt, haben mich besonders angesprochen.

Du bist praktizierende Muslima. Hat deine Religion deinen Werdegang und die Berufswahl in irgendeiner Weise beeinflusst?

Nein, meine Religion hat hierbei weniger Einfluss gehabt. Witzigerweise hat mein damaliger Deutschlehrer mir dazu geraten, eine Ausbildung zur Bürokauffrau zu beginnen. Denn nach dem Schulabschluss hatte ich noch keine genaue Vorstellung, was ich beruflich machen wollte.

Wie nimmst du das Thema Religion in deinem Arbeitsalltag wahr? Sticht eine Erfahrung – positiv oder negativ – besonders hervor?
Ich persönlich habe meistens gute Erfahrungen gemacht, insbesondere während der Fastenzeit und des Zuckerfestes. Durch meine Offenheit bezüglich meiner religiösen Praktiken haben viele Kolleg*innen Interesse gezeigt und es entstand ein reger Austausch. Meinungsverschiedenheiten oder Vorurteile gabs durchaus auch. Aber durch einen offenen Dialog konnten Missverständnisse aus dem Weg geräumt und ein respektvolleres Arbeitsumfeld geschafft werden.

Ganz aktuell war ich z. B. in der Fastenzeit (Ramadan) sehr positiv überrascht, wie viel Interesse und Rücksichtnahme mir von Kolleg*innen und Vorgesetzten entgegengebracht wurde. Einige Kolleg*innen entschuldigten sich manchmal schon fast erschrocken, wenn sie vor mir Kaffee oder Wasser getrunken haben. Das schätze ich sehr, aber ich kann alle beruhigen, dass es mir persönlich absolut nichts ausmacht und nicht stört. Die Fastenzeit ist für mich eine sehr spirituelle Erfahrung, die mich mental stärkt.

Eine Kollegin hat sich sogar dem Fasten während des Ramadans angeschlossen. Ihre Motivation lag in einer Ernährungsumstellung, aber wir haben viel darüber geredet und uns ausgetauscht.

Das Fasten während des Ramadans kann auch Auswirkungen auf die Arbeit haben. Was wünschst du dir von Kolleg*innen und vom Arbeitgeber?
Ich wünsche mir vor allem Verständnis dafür, dass man vielleicht mal müder und erschöpfter oder auch gereizter ist als sonst. Das ist bei mir jedenfalls so, vor allem in den Nachmittagsstunden. 😉 Toll ist es, dass es bei Sweco grundsätzlich die Möglichkeit gibt, die Arbeit flexibel zu gestalten oder von zuhause zu arbeiten. Bei mir am Empfang ist das leider etwas eingeschränkt, da der Empfang von 8 – 15 Uhr besetzt sein muss, aber bei solchen Anlässen war es für mich jederzeit möglich, mir frei zu nehmen.

Respekt, Toleranz und Offenheit sind wichtige Werte, unabhängig von den religiösen Hintergründen einer Person. Ich wünsche mir, dass diese Werte gefördert und sichergestellt werden und dass alle Mitarbeiter*innen, unabhängig von ihrer Religion oder Glaubensrichtung gleichermaßen respektiert und geschätzt werden.

Wie kann Sweco als Unternehmen die Vielfalt, interkulturelle Verständigung und Zusammenarbeit am Arbeitsplatz weiter fördern und verbessern?
Ich denke, die Schaffung von Plattformen für den interkulturellen Austausch, auf denen Mitarbeiter*innen ihre kulturellen Hintergründe, Traditionen und Erfahrungen teilen können, kann das Verständnis füreinander verbessern. Daher finde ich es gut, in diesem Interview die Möglichkeit zu haben, ein bisschen mehr darüber zu erzählen. Das geht für mich schon in die richtige Richtung.

Zudem sollten Feedback- und Kommunikationskanäle geschaffen werden, in denen Kolleg*innen Bedenken oder Anregungen im Zusammenhang mit Vielfalt und interkultureller Zusammenarbeit äußern können.

Demnächst wird das Opferfest gefeiert, das höchste islamische Fest. Magst du uns bisschen davon erzählen?

Mit dem Islamischen Opferfest (Eid al-Adha) ehren Muslim*innen den Propheten Ibrahim (Abraham), der aus Loyalität und im Vertrauen zu Gott bereit war, seinen Sohn Ismael auf Gottes Wunsch zu opfern. Als er sich darauf vorbereitete, griff Gott jedoch ein und schickte einen Engel, der ihm mitteilte, dass seine Hingabe bereits bewiesen worden sei. Als Dankbarkeit wurde dann ein Widder geopfert.

Der Beginn des Opferfestes wird nach dem Mondkalender berechnet und verschiebt sich somit im Sonnenkalender, wie wir ihn kennen, rückwärts jeweils um 11 Tage im Jahr. In diesem Jahr wird es vom 28. bis zum 30. Juni gefeiert.

Am Morgen des Opferfestes versammeln sich viele Musliminnen und Muslime in der Moschee oder in anderen Gebetsstätten, um gemeinsam zu beten. Anschließend findet die rituelle Schlachtung eines Tieres statt, ich kenne das aus meiner Heimat Marokko mit einem Schaf. Ein Teil des Fleisches wird für die Familie für das Festmahl verwendet und der Rest wird an Nachbarn oder Bedürftige verteilt. Familie, Freunde und Bekannte besuchen sich gegenseitig, wünschen sich ein gesegnetes Fest und essen dann zusammen. Ich persönlich spende als Alternative zur Schlachtung das Geld an Familien in meiner Heimat Marokko, die sich das Fest sonst nicht leisten können.

Es ist für uns eine Bereicherung, die Vielfalt der verschiedenen Feierlichkeiten und Bräuche zu erleben

Wie feierst du privat das Opferfest in der Familie und welche Traditionen sind dabei wichtig?
Die ersten zehn Jahre meiner Kindheit habe ich in Alhoceima, im Norden Marokkos, verbracht. Ich kann mich noch daran erinnern, dass das Opferfest eine besondere Zeit war, die meine Familie und ich mit großer Vorfreude erwarteten. Es war bei uns Brauch, dass unsere Mutter meinen Schwestern und mir am Vorabend des Festes die Hände mit Henna bemalt hat, am Tag des Festes bekamen wir neue Kleider. Es war Tradition, dass wir Kinder von Haus zu Haus gingen, und Verwandte, Bekannte und Nachbarn besuchten. Dabei erhielten wir Geldgeschenke, die wir dann in Süßigkeiten investierten.

Mittlerweile lebt ein großer Teil meiner Familie in Deutschland. Ein paar Tage vor dem Opferfest bereiten meine älteste Schwester und ich verschiedenes Gebäck vor. Am ersten Opferfesttag treffen wir traditionell die ganze Familie zum Essen und feiern bei unseren Eltern. Als Hauptgericht gibt es zarte Fleisch-Tajine, das langsam in Gewürzen und Kräutern gekocht wird, mit karamellisierten Pflaumen. Dazu gibt es frisch gebackenes Brot von unserer Mutter. Nach dem Hauptmahl folgt der süße Teil des Festes. Dazu wird der Nana-Tee, ein marokkanischer Minztee (Marokkos Nationalgetränk) gereicht. Freunde und Nachbarn kommen zu Besuch, um ein gesegnetes Fest zu wünschen. Es ist bei uns auch weiterhin Tradition, dass die Kinder Geldgeschenke von Familie und Freunden und neue Kleidung von den Eltern bekommen.

Bei meinen Töchtern habe ich übrigens die Tradition mit der Hennabemalung weitergeführt. Meine Töchter sind mit zwei Kulturen aufgewachsen, denn mein Mann ist deutscher Herkunft. Zusammen mit den traditionellen Feierlichkeiten des Opferfestes genießen wir es auch, Weihnachten zu feiern. Es ist für uns eine richtige Bereicherung, die Vielfalt der verschiedenen Feierlichkeiten und Bräuche zu erleben.  –  EID MUBARAK!

Vielen Dank für das Gespräch und die interessanten Einblicke, Rachida! Wir wünschen dir und allen anderen Musliminnen und Muslimen ein gesegnetes Opferfest.

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