Skip to content

28/07/2026

Lesezeit 5min

Claudia Specht

Dipl.-Ing. Architektin

Das Beispiel Martha-Maria Nürnberg im Kontext der Krankenhausreform 2026

Transformation der Krankenhauslandschaft als planerische Herausforderung

Die Krankenhauslandschaft in Deutschland befindet sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Ausgelöst durch wirtschaftlichen Druck, medizinischen Fortschritt und politische Reformprozesse, wie insbesondere die Krankenhausreform 2026, verändern sich Versorgungsstrukturen fundamental. Zentrale Leitmotive sind die Konzentration komplexer Leistungen, die Stärkung ambulanter Angebote sowie eine höhere Spezialisierung der Standorte.

Parallel dazu nimmt die Zahl der Standortfusionen deutlich zu. Krankenhäuser bündeln ihre Leistungen, um medizinische Qualität, Wirtschaftlichkeit und Fachkräftekapazitäten langfristig zu gewährleisten. Diese Entwicklungen stellen die Architektur vor neue Aufgaben: Gebäude müssen nicht nur funktional optimiert sein, sondern auch transformierbare, zukunftsfähige Strukturen bieten.

Wie bereits in europäischen Krankenhausplanungen zu beobachten ist, gewinnen dabei flexible, modulare Systeme und klare Funktionscluster an Bedeutung. Gleichzeitig verschiebt sich die Rolle des Krankenhauses hin zu einem integrierten Gesundheitscampus, der stationäre, ambulante und sektorenübergreifende Versorgung vereint.

Krankenhaus Martha-Maria in Nürnberg: Fusion als Treiber räumlicher Neuorganisation

Ein exemplarisches Projekt dieser Entwicklung ist die Erweiterung und Sanierung des Krankenhauses Martha-Maria in Nürnberg. Die Fusion mit dem St. Theresien-Krankenhaus, die 2024 vollzogen wurde, bildet den Ausgangspunkt für eine umfassende Neustrukturierung. Ziel ist die Bündelung nahezu aller stationären Leistungen an einem Standort.

Diese Zusammenführung führt zu einer erheblichen Verdichtung funktionaler Anforderungen:

  • Integration mehrerer Fachdisziplinen in einem Gebäudekomplex
  • Neuorganisation von Funktionsabläufen (OP, Zentrale Notaufnahme (ZNA), Diagnostik)
  • Optimierung logistischer und personeller Prozesse

Die Architektur reagiert darauf mit einer klar strukturierten Zielplanung: Zwei ringförmige Neubauten erweitern das bestehende Krankenhaus, bilden künftig das Rückgrat des Klinikstandorts und ermöglichen eine kompakte, funktionsoptimierte Organisation.

Diese Typologie folgt einem zentralen Paradigma aktueller Krankenhausplanung: der Reduktion von Wegen, der Verbesserung von Prozessketten und der Schaffung robuster, adaptierbarer Gebäudestrukturen.

Moderne Krankenhausplanung: Zentrale Funktionscluster und Prozessoptimierung

Der erste Bauabschnitt in Martha-Maria bildet die Grundlage für die neue Standortstruktur. Hier werden die hochinstallierten, prozesskritischen Bereiche gebündelt: Notaufnahme, Radiologie, OP, Intensivmedizin und zentrale Pflegeeinheiten.

Die funktionale Organisation folgt dabei klaren Prinzipien moderner Krankenhausplanung:

  • Vertikale und horizontale Trennung von Verkehrsströmen
    Besucher, Personal, Logistik und Bettenverkehr werden konsequent separiert. Dies erhöht sowohl die Effizienz als auch die hygienische Sicherheit.
  • Zentrale Erschließungskerne
    Ein zentraler Vertikalerschließungskern ermöglicht kurze Wege und flexible Erweiterungsmöglichkeiten.
  • Doppelflur-Systeme
    Diese reduzieren Wegezeiten und erlauben gleichzeitig die temporäre Isolation von Bereichen – ein Aspekt, der seit der Pandemie deutlich an Bedeutung gewonnen hat.
  • Logistikintegration
    Die Einbindung automatisierter Transportsysteme und klar strukturierter Ver- und Entsorgungszonen unterstützt effiziente Betriebsabläufe.

Damit spiegelt das Projekt zentrale europäische Trends wider: die konsequente Ausrichtung der Architektur an medizinischen Prozessen und die Integration technischer Innovationen.

Bauen im Bestand und im laufenden Betrieb

Ein wesentliches Merkmal aktueller Krankenhausprojekte ist die Umsetzung im laufenden Betrieb. Auch in Nürnberg erfolgt die Entwicklung in mehreren Bauabschnitten, um die medizinische Versorgung während des Umbaus im laufenden Betrieb kontinuierlich sicherzustellen.

Die Planung erfordert daher:

  • hochpräzise Bauphasenlogistik
  • flexible Interimsstrategien
  • robuste Schnittstellen zwischen Bestand und Neubau

Im Projekt Martha-Maria wird der Neubau über unterirdische und ebenerdige Verbindungen an den Bestand angeschlossen. Gleichzeitig werden bestehende Gebäude teilweise weitergenutzt oder umgenutzt, insbesondere für weniger technikintensive Bereiche.

Diese Strategie entspricht dem aktuellen Leitbild eines nachhaltigen Krankenhausbaus, der Ressourcen schont und vorhandene Strukturen intelligent integriert.

Klinikneubau in Nürnberg: Kompaktheit, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit

Die zunehmende Flächen- und Kostensensibilität im Gesundheitswesen führt zu einer stärkeren Verdichtung der Baukörper. Der erste Bauabschnitt in Nürnberg ist als kompakter Baukörper mit einem sehr günstigen A/V-Verhältnis von 0,15 konzipiert.

Diese Kompaktheit hat mehrere Vorteile:

  • Reduktion von Energieverbrauch und Baukosten
  • Minimierung des Eingriffs in die Umgebung (hier: umgebender Wald)
  • Effizienzsteigerung durch kurze Wege

Zugleich wird durch vorbereitete Erweiterungsstrukturen sichergestellt, dass zukünftige Anforderungen – etwa durch medizinischen Fortschritt oder Reformanpassungen – flexibel umgesetzt werden können.

Nachhaltigkeit zeigt sich hier nicht nur in energetischen Kennzahlen, sondern vor allem in der langfristigen Anpassungsfähigkeit der baulichen Struktur.

Krankenhausreform 2026 als planerischer Rahmen

Die Krankenhausreform 2026 verstärkt den Trend zu Spezialisierung, Leistungsgruppen und sektorenübergreifender Versorgung erheblich. Die Einführung von Leistungsgruppen und die stärkere Differenzierung der Versorgungsstufen führen zu einer klareren Profilbildung der Standorte.

Für die Architektur bedeutet dies:

  • Konzentration komplexer Leistungen in hochspezialisierten Zentren
  • Ausbau ambulanter und sektorenübergreifender Strukturen
  • steigende Anforderungen an Flexibilität und Nachnutzung

Das Projekt Martha-Maria zeigt exemplarisch, wie auf diese Anforderungen reagiert werden kann: durch eine klare funktionale Struktur, modulare Erweiterbarkeit und die Integration unterschiedlicher Versorgungsformen auf einem Campus.

Die geplante Aufnahme in das Krankenhausjahresprogramm des Freistaats Bayern im Juli 2026 unterstreicht die strategische Bedeutung des Projekts im Kontext der regionalen Gesundheitsversorgung.

Fazit: Architektur als aktiver Gestalter des Strukturwandels

Der Krankenhausbau steht vor einem Paradigmenwechsel. Gebäude sind nicht länger statische Hüllen, sondern hochkomplexe, dynamische Systeme, die medizinische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Anforderungen integrieren müssen. Fusionen wie in Nürnberg fungieren dabei als Katalysator für innovative Planungslösungen. Sie zwingen zur Neuordnung bestehender Strukturen und eröffnen zugleich die Chance, zukunftsfähige Typologien zu entwickeln.

Das Krankenhaus Martha-Maria Nürnberg zeigt, wie durch klare funktionale Konzepte, kompakte Bauweisen und strategische Erweiterbarkeit eine nachhaltige und leistungsfähige Gesundheitsinfrastruktur entstehen kann.

Damit wird deutlich: Architektur ist nicht nur Reaktion auf Reformen – sie ist ein zentraler Baustein ihrer Umsetzung.

Nicht gefunden, was Sie suchen?

Hinterlassen Sie hier Ihre Daten – unsere Expert*innen helfen Ihnen gern weiter. Wir sorgen dafür, dass Sie mit der richtigen Person in Kontakt kommen. Vielen Dank!
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.