
Wasser als Schlüssel für resiliente Städte
International Women in Engineering Day 2026: Ein Gespräch über Wasserinfrastruktur, Klimaanpassung und Frauen im Ingenieurwesen
Der 23. Juni ist International Women in Engineering Day. Ein Tag, der Ingenieurinnen sichtbar macht, die mit ihrem Wissen und ihrer Haltung unsere gebaute Umwelt gestalten. Wasser spielt dabei eine Schlüsselrolle: Als Lebensgrundlage und zentrale Ressource für resiliente Städte und Infrastrukturen im Zeichen des Klimawandels.
Im Gespräch mit Dr. Demet Antakyali und Susanne Tettinger werfen wir einen Blick auf die Bedeutung von Wasser im Ingenieurbau, persönliche Werdegänge und die Herausforderungen und Chancen widerstandsfähiger Wasserinfrastruktur. Vor dem Hintergrund des aktuellen Urban‑Insight‑Berichts von Sweco sprechen wir darüber, wie Städte zukunftsfähig geplant werden können und welche Botschaft die beiden Ingenieurinnen jungen Frauen und Mädchen mit auf den Weg geben möchten, die die Zukunft aktiv mitgestalten wollen.

Warum Wasser für resiliente Städte immer wichtiger wird
Was hat euch persönlich dazu bewegt, euch als Ingenieurinnen intensiv mit dem Thema Wasser zu beschäftigen? Gab es in eurem Werdegang einen Schlüsselmoment, der eure heutige Ausrichtung geprägt hat?
Demet: Ich bin an der ägäischen Küste aufgewachsen. Wasser war für mich immer sehr präsent. Schon früh habe ich beobachtet und wahrgenommen, wie eng alles im Wasserkreislauf miteinander verbunden ist: Was an einer Stelle geschieht, hat Auswirkungen an einer anderen. Mir wurde bewusst, dass Verschmutzung, die der Mensch verursacht, letztlich auch im Wasser landen kann. Das hat mich motiviert, mich beruflich mit dem Thema Wasser zu beschäftigen und dazu beizutragen, dass diese wertvolle Ressource so schön und intakt bleibt.
Susanne: Wasser hat auch mich schon früh fasziniert. Ich bin am Rhein groß geworden und habe den Fluss mit all seinen Facetten erlebt – Schifffahrt, Hochwasser, Niedrigwasser, Strandgefühl im Sommer und gefrorene Ufer im Winter. Im Laufe meines Berufswegs hat sich gezeigt, wie zentral Wasser für Lebensqualität, Klimaanpassung und die Zukunft unserer Städte ist.
Es hat mich geprägt, immer wieder an Projekten mitzuarbeiten, die konkret aufgezeigt haben, wie groß der Einfluss guter Wasserplanung ist und wie spürbar die Folgen sind, wenn sie fehlt. In Forschungs- und Netzwerkprojekten konnte ich verstehen, wie stark sich die Auswirkungen von Klimawandel, Nutzung, Infrastruktur und Umwelt gegenseitig beeinflussen. Diese Verbindung von Analyse, Wirkung und gesellschaftlicher Relevanz begleitet mich bis heute.
Gab es in eurer Laufbahn Momente des Zweifelns und was hat euch geholfen, dranzubleiben? Was können junge Frauen daraus lernen?
Demet: Zweifel gibt es immer wieder, nicht an der eigenen fachlichen Kompetenz, sondern eher an den Rahmenbedingungen, unter denen man arbeitet. Wir sind in einem technischen Feld, das nach wie vor stark männerdominiert ist, und ich war in vielen fachlichen Runden oft die einzige Frau.
Für mich ist klar: Gute Ingenieurarbeit ist vor allem Kopfarbeit und die Qualität zählt. Junge Frauen können daraus mitnehmen, Dinge sachlich zu betrachten, kritisch zu hinterfragen, die eigene Analyse klar zu formulieren und die persönliche Perspektive selbstverständlich einzubringen. Man muss nicht lauter sein als andere. Fachlich präzise und souverän zu argumentieren ist oft der stärkste Weg. Und: nicht zu schnell aufgeben.
Susanne: Ja, auch bei mir gab es diese Momente. Für mich sind sie natürlicher Bestandteil des Berufslebens. Insbesondere wenn man neue Themen bearbeitet. Es erfordert Mut, Veränderungen zuzulassen und neue Wege zu gehen. Geholfen hat mir dabei der Blick auf den Sinn meiner Arbeit: zu wissen, dass das, was ich tue, einen Beitrag für die Zukunft leistet.
Sehr wichtig war auch eine Führungskraft, an die ich mich mit offenen Fragen wenden konnte und die mich in meiner Entwicklung unterstützt hat. Ein angenehmes Arbeitsumfeld, ein stabiles Netzwerk und das Vertrauen in die eigene Entwicklung sind ebenfalls hilfreich. Junge Frauen können mitnehmen, dass Zweifel nicht bedeuten, dass man ungeeignet ist. Oft zeigen sie, dass man wächst und sich neuen Herausforderungen stellt.
Wasser zwischen Risiko und Ressource: Wasserinfrastruktur für widerstandsfähige Städte
Welche Rolle spielt Wasser aus eurer Sicht und wie hat sich die Wahrnehmung in den letzten Jahren verändert?
Demet: Dadurch, dass wir uns beruflich damit beschäftigen, nehmen wir beide Perspektiven bewusst wahr. In den letzten Jahren sind die Auswirkungen extremer Wetterereignisse deutlich spürbarer geworden, sowohl durch Wasserknappheit als auch durch Starkregen und Überschwemmungen.
Da Wasser eine lebenswichtige und nicht ersetzbare Ressource ist, stellt sein Mangel ein erhebliches Risiko dar. Gleichzeitig haben die vergangenen Jahre eindeutig gezeigt, welche enormen Schäden durch zu große Wassermengen entstehen können. Aus meiner Sicht macht das deutlich, dass wir im Ingenieurbau umdenken müssen. Wasser muss als vernetztes System ganzheitlich betrachtet werden. Flächendeckende Vermeidung der Verschmutzung und die Erhöhung der dezentralen Wasserspeicherungskapazitäten in urbanen Räumen sollten daher künftig noch stärker in den Fokus rücken.
Susanne: Früher wurde Wasser in der Planung häufig als etwas betrachtet, das möglichst schnell abgeführt werden muss. Heute rücken die Nutzung, Rückhaltung, Verteilung und ein intelligentes Management von Wasser in den Fokus.
Mein Eindruck ist, dass sich durch wiederkehrende Hitze- und Dürreperioden einerseits und Starkregenereignisse andererseits die Wahrnehmung von Wasser verändert und die Bedeutung bzw. die Erkenntnis darüber in den letzten Jahren zugenommen haben.
Der aktuelle Urban-Insight-Bericht zu den Wasserherausforderungen in Europa zeigt, dass Städte zunehmend unter Wasserstress durch Starkregen, Dürre und steigende Temperaturen leiden. Welche Kernaussagen des Berichts sind für eure tägliche Arbeit besonders relevant?
Susanne: Wasserherausforderungen treten nicht isoliert auf, sondern gleichzeitig und oft miteinander verknüpft und treffen Städte parallel. Das erfordert integrierte Lösungen statt Einzelmaßnahmen. Für mich sind daher zwei Kernaussagen besonders relevant. Zum einen, dass alle Kommunen eine umfassende Wasserstrategie zur Verfügung haben sollten, die eine Risikoanalyse beinhaltet und dass diese bei der Raumplanung berücksichtigt wird. Zum anderen sind auch zukünftige Kosten für Erhalt und Ausbau der Wasserinfrastruktur bei sich ändernden Rahmenbedingungen relevant.
Resiliente Wasserinfrastruktur: Effizient, nachhaltig und anpassungsfähig in Zeiten des Klimawandels
Was bedeutet „resiliente Wasserinfrastruktur“ für euch konkret – und wo seht ihr den größten Handlungsbedarf in der Planung und Umsetzung?
Demet: Für mich bedeutet resiliente Wasserinfrastruktur vor allem, effizient, nachhaltig und anpassungsfähig. Dafür müssen wir über einzelne Bauwerke hinausdenken und Systeme ganzheitlich betrachten. Bewährte Methoden bleiben wichtig, durch gezielte Anpassungen lassen sich jedoch oft deutliche zusätzliche Mehrwerte erzielen.
Der größte Handlungsbedarf liegt darin, Wasserinfrastruktur nicht isoliert zu planen, sondern ihre Wechselwirkungen mit dem gesamten Umfeld mitzudenken und Synergien zu identifizieren. Resilienz entsteht dort, wo Planung, Betrieb und Anpassungsfähigkeit gemeinsam gedacht werden.
Wenn ihr auf das Jahr 2040 blickt: Was wünscht ihr euch für den Umgang mit Wasser in unseren Städten und welchen Beitrag möchtet ihr persönlich dazu leisten?
Demet: Für 2040 wünsche ich mir ein ganzheitliches und intelligentes Wasserressourcenmanagement. Wasser sollte viel stärker als wertvolle Ressource, sei es als Trink-, Brauch- oder Bewässerungswasser, aber auch im Zusammenspiel mit Nährstoffen und Energie, verstanden und genutzt werden. Eine differenzierte Nutzung von Wasserströmen: wir benötigen z. B. nicht überall Trinkwasserqualität. Abwasserströme können stärker getrennt und wiederverwendet werden. Gleichzeitig sollten Einträge von Schadstoffen möglichst an der Quelle vermieden werden. In der Chemie- und Pharmaindustrie braucht es dafür noch mehr Verantwortung und ein stärkeres Mitdenken von Umweltauswirkungen, bevor Stoffe überhaupt breit eingesetzt werden.
Persönlich möchte ich dazu beitragen, indem ich diese Themen fachlich vorantreibe und über gute Kommunikation mehr Bewusstsein und Unterstützung dafür schaffe.
Susanne: Ich sehe es wie Demet. Persönlich möchte ich dazu beitragen, Lösungen zu entwickeln, die technisch gut geplant, pragmatisch umsetzbar und zugleich zukunftsorientiert sind. Mir ist wichtig, Wissen weiterzugeben, interdisziplinär zu arbeiten und Projekte so zu gestalten, dass sie langfristig Wirkung entfalten.
Einstieg ins Ingenieurwesen: Warum Neugier wichtiger ist als perfekte Noten
Was möchtet ihr jungen Frauen mitgeben, die sich für Nachhaltigkeit und Klimaschutz interessieren, aber unsicher sind, ob das Ingenieurwesen der richtige Weg für sie ist? Welche Fähigkeiten sind aus eurer Sicht wichtiger als perfekte Noten?
Demet: Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind komplexe, interdisziplinäre Themen. Im Ingenieurwesen geht es genau darum, Zusammenhänge zu verstehen, verschiedene Perspektiven zusammenzubringen und Lösungen praktisch umzusetzen. Das erfordert vor allem Neugier, Offenheit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Wer echtes Interesse mitbringt und sich einbringen möchte, hat im Ingenieurwesen viele offene Wege.
Susanne: Ich würde sagen: Wenn euch Nachhaltigkeit, die Anpassungen an die Auswirkungen des Klimawandels und die Gestaltung unserer Zukunft wichtig sind, dann ist Ingenieurwesen eine sehr gute Wahl. Es braucht Menschen, die technische Fragen mit gesellschaftlicher Verantwortung verbinden. Wenn man etwas mit Herzblut und aus eigenem Antrieb macht, dann macht man es in der Regel auch gut.
Neugierde, Lernbereitschaft, Ausdauer und die Fähigkeit, dranzubleiben, auch wenn etwas nicht sofort gelingt, sind meines Erachtens wichtiger als perfekte Noten. Ebenso wichtig sind Teamfähigkeit, Kommunikationsstärke und der Mut, Fragen zu stellen. Ingenieurwesen ist kein Einzelkampf, sondern lebt vom gemeinsamen Denken und Entwickeln.


