Hoch hinaus – Klettern für den Artenschutz
Artenschutzfachliche Kontrolle von Habitatstrukturen in Gehölzen mittels Seilklettertechnik (SKT-A)
Am 3. März ist der Tag des Artenschutzes (United Nations World Wildlife Day). Susan Schnöke, Antonia Ullrich, Christoph Baudach und Konstantin Rinner vom Team Umweltplanung & Ökologie Rietschen sind regelmäßig im Auftrag des Artenschutzes unterwegs – und das in luftigen Höhen. Mit Hilfe von Seilklettertechnik (SKT-A) führen sie artenschutzfachliche Baumkontrollen an Gehölzen durch und sorgen dafür, dass bei Bau- und Infrastrukturprojekten keine geschützten Arten übersehen werden – selbst dann nicht, wenn sich ihre Lebensstätten hoch oben in Baumkronen befinden. Seit August 2025 haben sie so bereits mehrere Projekte in Ostsachsen und Südbrandenburg unterstützt.
Im Einsatz für Fledermaus, Käfer & Co.: Warum fachgerechte Baumkontrollen unverzichtbar sind
Sind bei Bau- und Infrastrukturvorhaben Holzungen oder Einzelbaumentnahmen erforderlich, müssen diese im Rahmen der Ökologischen Baubegleitung zunächst artenschutzfachlich kontrolliert werden. Dabei stehen besonders und streng geschützte Arten gemäß Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) im Fokus, aber auch andere Tierarten werden berücksichtigt: Werden Habitatstrukturen als Fortpflanzungs-, Ruhe- oder Lebensstätten identifiziert, erfolgen unabhängig von der jeweiligen Art geeignete Vermeidungs- und Minderungsmaßnahmen sowie gegebenenfalls erforderliche Ausgleichsmaßnahmen.
Mit zunehmender Größe und räumlicher Ausdehnung eines Bau- oder Infrastrukturvorhabens steigt in der Regel die Wahrscheinlichkeit, dass Gehölzbestände mit potenziellen Habitatbäumen betroffen sind. So kann es sein, dass für die Erschließung einer Straßen- oder Leitungstrasse mehrere Hektar Wald- oder Forstfläche gefällt werden müssen. Während es in jungen Beständen meist nur wenige oder keine relevanten Lebensstätten gibt, nimmt das Vorkommen von Baumhöhlen, Spalten und weiteren geeigneten Strukturen mit zunehmendem Alter, Höhe und Stammdurchmesser der Bäume deutlich zu. Insbesondere einzelne alte Bäume oder Alleebäume können wichtige Lebensräume für verschiedene, teils streng geschützte Arten sein.
Die artenschutzfachliche Kontrolle von Habitatstrukturen in Gehölzen kommt immer dann zum Einsatz, wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass Fortpflanzungs- und Lebensstätten besonders oder streng geschützter Arten beeinträchtigt oder zerstört werden. Doch wie überprüft man Lebensräume von Vögeln, Fledermäuse oder Käfern, die sich gerne in Baumkronen in mehreren Metern Höhe niederlassen?
In luftiger Höhe: Präzise Habitatkontrolle mit Seilklettertechnik (SKT-A)
Wo der Zugang zum Gelände mit Hubarbeitsbühnen nicht möglich ist (z. B. in geotechnischen Sperrbereichen oder unwegsamem Gelände), bietet sich die Seilklettertechnik an. Diese ermöglicht es, höher gelegene Habitatstrukturen baumschonend und sicher zu erreichen und ist damit für artenschutzfachliche Untersuchungen im Rahmen der Ökologischen Baubegleitung gut geeignet. Swecos Artenschutzexpert*innen aus Rietschen identifizieren zunächst Strukturen, wie Höhlen, Risse oder Spalten und untersuchen diese dann gezielt auf besonders und streng geschützte Arten. Für die Kontrolle nutzen sie unter anderem ein Endoskop. Anschließend vermessen sie die Strukturen, verschließen diese fachgerecht und dokumentieren die Ergebnisse.
Und was passiert, wenn tatsächlich festgestellt wird, dass Habitatstrukturen besetzt sind, also von Tieren genutzt werden? Dann kommen je nach Art, Jahreszeit und Projekt unterschiedliche Vorgehensweisen in Betracht.
„Bei ausreichend zeitlichem Vorlauf können wir regelmäßige Nachkontrollen durchführen, um festzustellen, ob eine Struktur aufgegeben wurde. In bestimmten Fällen können wir temporäre Maßnahmen wie sogenannte One-Way-Passagen anbringen, die es Tieren ermöglichen, die Struktur zu verlassen, jedoch eine Neu- oder Wiederbesiedlung vor und während der Bauphase verhindern“, erklärt Teamleiterin und Expertin für Umweltplanung Susan Schnöke.
Handelt es sich hingegen um besetzte Winterquartiere oder Fortpflanzungsstätten, die aus artenschutzrechtlichen Gründen zwingend erhalten werden müssen, muss auch der betreffende Baum erhalten und geplante Eingriffe entsprechend angepasst werden.
„Im Zuge der Errichtung einer Freileitung eines Energieversorgers hatten wir schon den Fall, dass wir durch die SKT-unterstützte Baumhöhlenkontrolle das Zwischenquartier einer Fledermaus identifizieren konnten, obwohl der Baum äußerlich keine Hinweise darauf zeigte. Um zu verhindern, dass das Tier verletzt oder gar getötet wird, wurde der Baum von der Holzung ausgeschlossen, bis die Höhle eindeutig verlassen war“, berichtet Susan Schnöke.
Klettern unter besonderen Bedingungen: Herausforderungen in geschützten Lebensräumen
Das Baumklettern unter Anwendung der SKT gehört für Swecos Artenschutzexpert*innen nicht zum täglichen Arbeitsalltag, wird jedoch mittlerweile regelmäßig bei artenschutzfachlichen Untersuchungen eingesetzt. Innerhalb der Einsätze wechseln sich Kletterphasen und bodengebundene Tätigkeiten, wie die Dokumentation und Arbeiten als Bodenpersonal, ab. Das gewährleistet ausreichende Erholungsphasen und macht gleichzeitig umfangreiche Untersuchungen mit einer größeren Anzahl an Habitatstrukturen körperlich gut umsetzbar.
Schon das Anbringen des Kletterseils am Baum kann anspruchsvoll sein.
„Ziel ist es, das Seil über einen tragfähigen Ast möglichst nahe am Stamm zu platzieren. Insbesondere in dichten Beständen liegt der Kronenansatz häufig erst in 15 Metern Höhe oder darüber, sodass der erste geeignete Ast nur mit entsprechender Übung erreicht wird“, erzählt Projektmitarbeiter Christoph Baudach.
Zudem ist ein besonders achtsamer Umgang mit den sensiblen Lebensräumen unerlässlich. Dazu zählen vor allem die Habitatbäume selbst sowie angrenzende Strukturen wie Nistkästen, Quartiere, Gewässer, strukturreiche Gehölzbestände, mosaikartige Kleinlandschaften und gesetzlich geschützte Biotope. Um Beeinträchtigungen zu minimieren, wird die persönliche Schutzausrüstung in der Regel zu Fuß transportiert und es wird ruhig und lärmarm gearbeitet. Vor jeder Begehung prüfen die Fachleute standortbezogene Besonderheiten und werten Planunterlagen aus, um Schutzgebiete, Biotope und kartierte Strukturen zu berücksichtigen.
Aus Sicherheitsgründen ist das Klettern ab Windstärke 5 grundsätzlich untersagt. Allerdings können bereits geringere Windbewegungen den Baum spürbar in Schwingung versetzen.
„Wenn man sich weit oben in der Krone befindet, kann man dies körperlich schon deutlich wahrnehmen“, berichtet Christoph Baudach.
Trotz aller Herausforderungen überwiegen beim Baumklettern aber die besonderen Momente.
„Der besondere Reiz liegt im sportlichen Anspruch, der Bewegung in der Natur sowie in der Perspektive und Aussicht aus der Höhe. Hinzu kommt die wiederkehrende Spannung, im Rahmen der jeweiligen Habitatstruktur bislang unbekannte oder noch nicht beobachtete Besonderheiten festzustellen. Zudem eröffnet sich die seltene Möglichkeit, nächtlichen Jägern wie Fledermäusen in ihrem unmittelbaren Lebensraum besonders nahe zu kommen.“ (Antonia Ullrich)
Was ist Ökologische Baubegleitung?
Die Ökologische Baubegleitung sichert die Einhaltung von Umweltauflagen bei Bauprojekten. Ziel der Ökologischen Baubegleitung ist es, die Umsetzung von Bauvorhaben oder Infrastrukturprojekten unter Einhaltung der geltenden naturschutzrechtlichen Vorgaben sicherzustellen und dafür zu sorgen, dass durch geplante Maßnahmen keine besonders oder streng geschützten Arten oder deren Fortpflanzungs- und Lebensstätten beeinträchtigt oder zerstört werden. Voraussetzung ist eine möglichst frühzeitige Einbindung der ökologischen Fachplanung in den Planungsprozess. Nur so können potenziell betroffene Flächen rechtzeitig kontrolliert, artenschutzfachliche Risiken bewertet und erforderliche vorbereitende Maßnahmen vor Beginn der Bauarbeiten umgesetzt werden. Der gezielte Einsatz des Baumkletterns leistet einen wichtigen Beitrag zur rechtssicheren und planungsbegleitenden Umsetzung von Vorhaben.
Mit Seil und Verantwortung: Sicherheit bei Baumkontrollen mit der Seilklettertechnik
Bei Arbeiten in großer Höhe gelten strenge Sicherheitsanforderungen. Um im Notfall eine fachgerechte Rettung sicherzustellen, dürfen Klettereinsätze nur durchgeführt werden, wenn mindestens zwei ausgebildete Kletterpersonen beteiligt sind. Beim bewusstlosen Hängen im Klettersystem können zum Beispiel bereits nach wenigen Minuten ernsthafte, potenziell lebensbedrohliche Folgen auftreten (sogenanntes Hänge-Syndrom).
Die eingesetzte Kletterausrüstung muss einwandfrei sein und ist regelmäßig durch eine qualifizierte, sachkundige Person für persönliche Schutzausrüstung zu prüfen. Dies kann inzwischen Industriekletterer und Projektleiter Konstantin Rinner übernehmen.
„Vor jedem Einsatz müssen wir sicherstellen, dass alle Beteiligten über den Einsatzort sowie mögliche Zufahrts- und Rettungswege für Einsatzkräfte unterwiesen sind“, erklärt Antonia Ullrich, die als Projektbearbeiterin in der Ökologischen Baubegleitung tätig und seit April 2025 in SKT-A Seilklettertechnik ausgebildet ist. „Für jeden betroffenen Baum führen wir am Einsatztag eine individuelle Gefährdungsbeurteilung durch. Zusätzlich überprüfen wir regelmäßig, ob ausreichender Mobilfunkempfang für den Notfall besteht und die vorgesehenen Rettungswege gut erreichbar sind.“
Fachkompetenz in der Ökologischen Baubegleitung: Ausbildung für Baumkontrollen mittels Seilklettertechnik (SKT-A)
Das Fundament für die Kontrolle von Habitatstrukturen in Gehölzen mit Hilfe der Seilklettertechnik bildet der Seilkletterkurs SKT-A. Zugangsvoraussetzungen sind ein Basiskurs zur allgemeinen Baumkunde und Gefährdungsbeurteilung, ein gültiger Nachweis über eine absolvierte Erste-Hilfe-Ausbildung sowie die betriebsärztlich bestätigte Höhentauglichkeit für Arbeiten mit Absturzgefahr.
„Ziel des Kurses ist es, sich sicher und unter permanenter Sicherung in der Baumkrone zu bewegen und eine stabile Arbeitsposition einzunehmen, sodass fachliche Tätigkeiten mit beiden Händen durchgeführt werden können“, erläutert Christoph Baudach.
In der Ausbildung geht es unter anderem um Aspekte der Unfallverhütungsvorschriften (UVV), grundlegende Baumsicherheitsbeurteilung, Material- und Knotenkunde, Einbautechniken von Klettersystemen, verschiedene Sicherungs- und Aufstiegstechniken im Laubbaum, das Klettern im Außenastbereich sowie Rettungsabläufe in Laubbäumen.
Seilklettertechnik: Mehrwert für Ökologische Baubegleitung und Artenschutz
Abschließend lässt sich festhalten, dass der Einsatz der Seilklettertechnik (SKT-A) die fachliche Arbeit in der Ökologischen Baubegleitung entscheidend erweitert. Er stärkt die Teamarbeit, fördert die interne Kommunikation und vertieft das Fachwissen über Habitatbäume, Gehölzeigenschaften sowie standortbezogenen Besonderheiten. Die Möglichkeit zur entsprechenden Weiterbildung schafft die Grundlage für fachlich interessante Funde und trägt dazu bei, Individuen und ihre Lebensstätten wirksam zu schützen und Artenschutzmaßnahmen in Bauprojekten präzise, sicher und praxisnah umzusetzen.










